Abschied – Psychologie und Recht und Ordnung

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Vom Bauerngendarm zum Obersheriff: Der legendäre Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber wird auf dem Nordfriedhof beigesetzt

Ein Fahrstreifen auf der Ungererstraße ist gesperrt, in Reih und Glied parken - geschützt von Polizei-Einsatzfahrzeugen - Autos vor der Aussegnungshalle des Münchner Nordfriedhofs. Freundliche Polizisten erklären erstaunten Autofahrern geduldig, was da los ist und wo sie einen Parkplatz finden. Psychologie und Recht und Ordnung - Manfred Schreiber hätte das gefallen, so zumindest deuteten es die Redner in der Trauerhalle an: Der verstorbene frühere Münchner Polizeipräsident galt als Erfinder der "Münchner Linie" bei Einsätzen und zugleich als durchsetzungsstarker Vertreter der inneren Sicherheit.


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Am 7. Mai starb der frühere Polizeipräsident Manfred Schreiber im Alter von 89 Jahren.


(Foto: Robert Haas)

Rund 200 Menschen, unter ihnen viele Polizisten und Vertreter aus Politik und Stadtverwaltung, haben am Mittwoch bei der Trauerfeier am Nordfriedhof Abschied von Schreiber genommen. Der ehemalige Münchner Polizeipräsident war in der Nacht zum 7. Mai im Alter von 89 Jahren gestorben. Schreiber habe, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, die Münchner Polizei geprägt wie kein anderer. Er habe die "revolutionäre" Münchner Linie der Kommunikation anstelle von Konfrontation in der Polizeitaktik entwickelt - in dem Wissen: "Probleme der Gesellschaft kann man nicht mit dem Gummiknüppel lösen." Herrmann erinnerte auch an die schlimmen Tage in Schreibers von 1963 bis 1983 dauernder Amtszeit: den tödlichen Ausgang des europaweit ersten Banküberfalls mit Geiselnahme 1971, das Olympia-Attentat 1972 und den rechtsterroristischen Anschlag aufs Oktoberfest 1980. Hermann nannte Schreiber einen "Spitzenpolizisten, Visionär und Pionier."


Olympia-Attentat 1972Bild vergrößern

Der schlimmste Tag seiner Amtszeit: Manfred Schreiber (zweiter von links) bei den Verhandlungen mit den Olympia-Attentätern.


(Foto: dpa)

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Landespolizeipräsident Wilhelm Schmidbauer, einer von Schreibers Nachfolgern als Münchner Polizeipräsident, hob hervor, dass Schreiber 1976 Gründungsmitglied der Opferschutzorganisation "Weißer Ring" gewesen sei. Schreibers Lebensaufgabe sei der Schutz der Menschen gewesen. Als Polizeipräsident und danach als Leiter der Polizeiabteilung im Bundesinnenministerium sowie als gerne zu Rate gezogener Experte in Sachen Innere Sicherheit habe Schreiber die Herausforderungen durch immer neue Formen der Kriminalität bewältigt, indem er diese analysiert und benannt und danach Konsequenzen gezogen habe. Schreiber sei aber nicht unverletzlich gewesen, Kritik aus der Rückschau habe ihn, wenn er sie für unberechtigt gehalten habe, "tief getroffen", so Schmidbauer. Für Oberbürgermeister Dieter Reiter ist es nicht zuletzt Schreibers Verdienst, dass München noch heute eine der sichersten Millionenstädte in Europa sei. Unter Schreiber war 1975 die frühere Münchner Stadtpolizei in die Bayerische Polizei eingegliedert worden. Reinhard Rupprecht, vor mehr als 40 Jahren Leiter der Münchner Schutzpolizei und ein enger Weggefährte Schreibers auch im Innenministerium, zitierte den früheren Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, als dessen möglicher Nachfolger im Amt des OB Schreiber 1972 sogar zeitweise gehandelt worden war: Die Ernennung Schreibers zum Polizeipräsidenten sei eine seiner besten Personalentscheidungen gewesen, so Vogel. Rupprecht erinnerte daran, dass Schreiber einen möglichen Wechsel auf den Chefsessel im Bundeskriminalamt abgelehnt habe: Er habe lieber der "Münchner Bauerngendarm" bleiben wollen, zitierte Rupprecht seinen ehemaligen Vorgesetzten.

Mit dem Begriff des "Schandi" kokettierte Schreiber offenbar gern, daran erinnerte auch der Mediziner Wolfgang Pförringer, ein enger Freund der Familie. Später dann, als Leiter der Polizeiabteilung im Bundesinnenministerium unter Friedrich Zimmermann, habe Schreiber scherzhaft von sich gesagt, nun sei er "Obersheriff" geworden.

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