"Wir sind alle kleine Psychologen"

Schauspieler Dieter Pfaff im Interview - Seit mehr als zehn Jahren ist er der ARD-Seelendoktor Bloch

"Wir sind alle kleine Psychologen"

Dieter Pfaff spielt seit mehr als zehn Jahren in der ARD den Psychologen Dr. Bloch. Im Interview spricht der Schauspieler über diese Rolle, seine eigene Schüchternheit und die Psychotherapie allgemein.

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Artikelbild: Wir sind alle kleine Psychologen

Seit zehn Jahren beschäftigen Sie sich als Psychotherapeut Bloch mit seelischen Nöten. Glauben Sie, dass im Prinzip jeder eine Meise hat?

DIETER PFAFF: Nein, das glaube ich nicht. Die meisten sind wohl normal, wobei sich natürlich sofort die Frage stellt, wie man normal definiert. Eine befreundete Psychologin, die in einer Anstalt tätig war, hat mir mal erzählt, dass man dort alles an Macken beobachten kann, was einem auch sonst an den Mitmenschen so auffällt - nur viel stärker ausgeprägt.

Es heißt, die Zahl psychischer Erkrankungen steige - warum?

PFAFF: Ich denke, das hat damit zu tun, dass wir in einer sehr verwirrenden Welt leben, die vielen Menschen keinen Halt bietet. Früher haben den noch die Kirchen geboten, da gibt es ja auch den wunderbaren Begriff der Seelsorge. Aber die Glaubwürdigkeit von Kirchen ist zurückgegangen, und die Psychologie hat die entstandene Lücke nicht ersetzen können. Anders als etwa in Amerika kostet es viele Leute auch eine starke Überwindung, sich bei seelischen Problemen Hilfe beim Therapeuten zu holen.

Wo gehen Sie hin, wenn Ihnen etwas auf der Seele liegt?

PFAFF: Zu meiner Frau und zu meinen Freunden. Bei manchen Problemen kann einem allerdings keiner helfen. Wenn ich ernsthafte psychische Probleme hätte, würde ich schon fachlichen Rat in Anspruch nehmen. Wobei ich nicht glaube, dass einen eine Therapie von den Dingen, die einen belasten, völlig befreit. Sie bringt einem nur bei, wie man damit umgeht, und das kann ein sehr langer Prozess sein.

Gab es in Ihrem Leben schon Situationen, in denen Sie für sich selbst an eine Therapie gedacht haben?

PFAFF: Klar, an so was denkt man immer mal wieder. Ich habe allerdings tatsächlich noch nie an einer Therapiesitzung teilgenommen, auch nicht in Vorbereitung auf die Rolle als Bloch.

Für viele Schauspieler sind Rollen eine Art Therapie, um zum Beispiel eine angeborene Schüchternheit zu überwinden. Wie ist das bei Ihnen?

PFAFF: Ich glaube auch, dass ich ein eher schüchterner Mensch bin und diese Scheu vor der Kamera überwinde. Schauspielerei hat ja was mit Katharsis, mit Reinigung, zu tun. Ich denke, dass das bei mir auch zutrifft. Ich habe viele Filme und Figuren mitentwickelt, mit denen ich Dinge abgearbeitet habe, die mich beschäftigen. So ist das auch bei Bloch. Ich wollte früher Psychotherapeut werden, und dann wurde eine Rolle draus - nicht die schlechteste Lösung, wie ich finde.

Hat sich Bloch so entwickelt, wie Sie sich das vorgestellt haben?

PFAFF: Eigentlich schon, wobei so eine Figur manchmal auch ganz andere Wege geht, als man ursprünglich glaubt. Du gibst etwas von dir in so eine Figur, doch sie gibt dir auch etwas zurück - und sie entwickelt immer ein Eigenleben.

Ertappen Sie sich nicht manchmal dabei, dass Sie Leute aus ihrem Umfeld analysieren?

PFAFF: Ich versuche das nach Möglichkeit zu vermeiden. Wir sind schließlich alle kleine Psychologen - so wie wir auch alle kleine Bundestrainer sind.

Wie lange wollen Sie den Bloch noch spielen?

PFAFF: Keine Ahnung. So lange uns noch gute Geschichten einfallen, würde ich sagen.

Anders gefragt: Wie lange verträgt das Fernsehen noch so eine sperrige Figur wie Bloch?

PFAFF: Ich hoffe noch lange, denn wenn es keine sperrigen Figuren mehr im Fernsehen gibt, dann siehts duster aus. Man braucht doch Filme mit Ecken und Kanten, die einen herausfordern - sonst ist das total langweilig.

Im neuen Bloch-Film spielt Vadim Glowna wenige Monate vor seinem überraschenden Tod die Hauptrolle. Hat es Sie getroffen, als Sie von seinem Tod erfahren haben?

PFAFF: Natürlich, es ging ja auch alles so unglaublich schnell. Die Zusammenarbeit mit ihm war herrlich unkompliziert. Wir kannten uns zwar schon lange, hatten aber noch nie miteinander gespielt. Vadim Glowna war ein wunderbarer Kollege.

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