Warum es wichtig ist, Kränkungen zu überwinden

Egal, wie schlimm Sie sich getroffen fühlen. Schmollen Sie bitte nicht zu lange. Es ist wichtig, Kränkungen zu verarbeiten. Sonst kann das desaströse Auswirkungen haben – bis hin zu Mord und Totschlag.

Was wäre eigentlich passiert, wenn Angela Merkel kein derart robustes Nervenkostüm hätte? Neulich, als der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer sie während des CSU-Parteitages dastehen ließ wie ein Schulmädchen, während er ihre Politik geißelte? Sie hätte sich Fantasien von Ursula von der Leyens Panzern hingeben oder Steffen Seibert zum Nachtreten vorbeischicken können. Hat sie aber nicht, denn vielleicht hat sie die Kränkung nicht mal als solche wahrgenommen.

„Es gibt keine objektive Kränkung. Eine Kränkung wird immer subjektiv wahrgenommen, das heißt, ich selber habe die Regie über meine Gefühle“, sagt die Psychologin Christiane Jendrich, die sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema beschäftigt. Merkel hat in ihrem Politikerleben schon einiges weggesteckt und selber auch ausgeteilt. Da fällt eine Seehofer-Demütigung mehr oder weniger kaum ins Gewicht.

Doch unterbewusst wirken Kränkungen wie Wasser, das sich seinen Weg sucht: Im Inneren rumoren sie, um an anderer Stelle zum Ausbruch zu kommen. Wir wissen nicht, wie Angela Merkel an diesem Abend ihrem Gatten, Joachim Sauer, begegnete, ob sie Seibert angepflaumt oder ihre Sekretärin zusammengefaltet hat, als mittelbare Folge der Seehofer-Festspiele.

Man gestärkt aus Kränkungen hervorgehen

Im schlimmsten Fall führen Kränkungen zu Mord, Totschlag und anderen Verbrechen. Und Opfer sind nicht immer diejenigen, die die Kränkung ausgeübt haben, sondern Unbeteiligte, die dem Gekränkten zufällig in die Quere kamen. „Die Macht der Kränkung“ heißt deshalb auch das Buch des österreichischen Psychiaters Reinhard Haller. In seiner Tätigkeit als Kriminalpsychiater und Gerichtsgutachter hatte er reichlich mit Opfern von Kränkung zu tun, die dann wiederum zu Tätern wurden. Nichts anderes als eine „fatale Kränkungsverarbeitung“ führte seiner Meinung nach zu den Anschlägen auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo. Auch der Todesflug des selbstmörderischen Piloten der Germanwings-Maschine ist für Haller nichts anderes als „das Fanal eines Gekränkten“.

Die einen gehen gestärkt aus Kränkungen hervor, empfinden sie als Ansporn. „‚Dir zeig’ ich es‘ – das wäre eine Reaktion, die Negatives in Positives ummünzt“, sagt Christiane Jendrich. Wenn ein Kind im Sportunterricht erlebt, wie andere besser turnen, werfen oder springen, kann das ein Ansporn sein, die eigene Leistung zu verbessern. „Wichtig ist aber, sich nicht ewig auf den anderen zu fixieren“, sagt die Therapeutin. „Das macht mich auf die Dauer unfrei.“

Im schlechtesten Fall verarbeitet der Gekränkte die Enttäuschung auf selbstzerstörerische Art und Weise oder sinnt auf Rache. „Destruktive Gefühle sollten wir auf keinen Fall unterschätzen. Sie gehören zu uns und fordern Ausdruck“, erklärt Jendrich. Ihren Patienten empfiehlt sie oft, einen Brief zu schreiben. Wenn man sich wieder beruhigt hat, kann man sich damit das Geschehene noch mal nüchtern betrachten und überlegen, was wirklich passiert ist. Abschicken sollte man einen solchen Brief aber auf keinen Fall. Sondern ihn, rät Jendrich, als Kotztüte für Emotionen ansehen.











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