Volatile Börse: Nicht alles ist Psychologie


Bildschirm mit sinkenden SMI-Kurs unscharf in Zoombewegung fotografiertBild in Lightbox öffnen.

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Wenn die Börse fällt, ist oft auch Psychologie im Spiel (Archivbild).

Keystone

Der Swiss Market Index (SMI) ist am Dienstag zum ersten Mal seit rund einem Monat wieder unter die Marke von 9000 Punkten gefallen; zuletzt notierte er bei 8980 Punkten.

Der Schweizer Markt habe «eine psychologisch wichtige Grenze nach unten durchbrochen», hiess es umgehend in Börsenkommentaren und Analysen. Was hat es mit diesen psychologischen Marken auf sich, und wie wirken sie sich aus?

Die Willkür der Anleger

«Psychologische Grenzen entstehen primär in den Köpfen der Anleger», sagt Oliver Dettmann, Projektmanager und Senior Investment Stratege bei Wellershoff Partners in Zürich. «Sie kaufen Aktien und setzen sich ein Kursziel. Wenn es erreicht ist, kaufen sie oft dazu und setzen sich ein neues Ziel, meistens eine runde Zahl».

Umgekehrt spielt sich dasselbe ab: Da heisst es dann «Verkaufen bei 9000». Dieses Verhalten sei relativ willkürlich, hält Dettmann fest. Ein solches Vorgehen führe kaum zu besseren Anlageentscheiden.

Investoren setzen Limiten

Dumm nur, dass solche Marken als Limiten auch in den automatischen Computerhandel von Grossinvestoren wie Fonds und Vermögensverwaltern einfliessen. Oder sie spielen eine Rolle beim Festlegen von automatischen Verkaufs- und Kaufaufträgen.

«Der automatisierte Handel bestimmt das Geschehen an der Börse immer stärker», konstatiert der SRF-Börsenexperte Reto Lipp. Da heisse es dann eben «verkaufen», wenn der SMI unter 9000 Punkte falle. So könne es zu einer eigentlichen Verkaufswelle kommen. Im schlimmsten Fall nehme damit eine eigentliche Abwärtsspirale an der Börse ihren Anfang. Damit sind die Auswirkungen solcher Marken plötzlich weit mehr als nur psychologisch.


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SRF Börse vom 09.06.2015

2:07 min, aus SRF Börse vom 9.6.2015

«Viele Anleger sind sich bewusst, dass viele Kaufs- oder Verkaufsorders mit runden Zahlen in die Computerprogramme der grossen Börsen-Investoren gespeichert sind», sagt Lipp. «Somit spielen solche Marken eben in den Köpfen bei Anlageentscheiden durchaus eine wichtige Rolle».

Realität statt Psychologie

Für Oliver Dettmann haben die SMI-Verluste der letzten Tage aber weniger mit Psychologie als mit dem Zinsanstieg zu tun, der seit einigen Wochen zu beobachten ist: «So wie die sinkenden Zinsen zu Käufen von Risikoanlagen, wie Aktien oder Immobilien, angeregt haben, bewirken die steigenden Zinsen nun den gegenteiligen Effekt: Die Attraktivität von Aktien oder Immobilien fällt bei höheren Kapitalmarktzinsen, was den SMI und andere Aktienmärkte belastet». Anlagegelder fliessen etwa wieder in langjährige Obligationen.

Zu einer Finanztragödie griechischen Ausmasses ist es an der Zürcher Börse diesmal allerdings nicht gekommen. Der SMI kümmerte sich wenig um Psychologie und setzte schon am Mittwoch zu einer Gegenbewegung an: Bis zum Börsenschluss hatte er sich wieder auf 9102,70 Punkte erholt und schloss damit 1,36 Prozent höher.

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