Psychologie: Bleiben wir ein Leben lang, wer wir sind?

Wie verantwortlich ist ein Mensch noch für sein Handeln, wenn dieses schon lange zurückliegt – etwa ein Jahr oder vielleicht sogar 30 Jahre? Diese Frage stellt sich nicht nur im Zusammenhang mit jahrzehntealten Dissertationen. Sie ist ein grundlegendes Problem, mit dem sich Juristen und Psychologen beschäftigen. Es geht im Kern darum, wie frei der Wille des Menschen ist und ob die Persönlichkeit eines jeden unveränderlich ist oder nicht.

"Seit das moderne Strafrecht vor über 100 Jahren entwickelt wurde, geht die Debatte, ob es überhaupt einen soliden Schuldbegriff gibt", sagt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth. Viele würden sich dabei auf Immanuel Kant berufen, der einen Schuldbegriff für nötig hielt, um unmoralisches Handeln abzustrafen. Selbst wenn einen alle persönlichen Motive zur Tat treiben, so Kant, habe man die Möglichkeit, diesen zu widerstehen und moralisch zu handeln. Wer das nicht tue, mache sich schuldig.

"Psychologen wissen heute aber, und die Hirnforschung hat es bestätigt: Es ist völlig unmöglich, gegen seine Persönlichkeit zu handeln – alle Motive, auch die zum moralischen Handeln, entspringen ihr", sagt Roth. Das sei das Dilemma des Strafrechts, ergänzt er – denn dort müsse man so tun, als wäre es tatsächlich möglich, sich gegen die eigenen Motive zu entscheiden.

"Schuld im Sinne einer Normverletzung"

"Im Augenblick geht die Diskussion deshalb darum, ob es sich das Strafrecht leisten kann, einen Schuldbegriff aufrecht zu erhalten, der logisch inkonsistent und empirisch sehr fragwürdig ist", erklärt Roth. Doch auch ohne den klassischen Schuldbegriff würde das Recht nicht zusammenbrechen. Denn es gebe eine Alternative. "Was bleibt, ist, wie übrigens im Zivilrecht gang und gäbe, die Verantwortlichkeit und das Einstehen für das eigene Tun – also Schuld im Sinne einer Normverletzung."

Für seine Taten einstehen, ohne schuldig sein zu müssen – das hätte, glaubt Roth, auch unmittelbare Konsequenzen dafür, wie man mit Straftätern umgeht – insbesondere denen, die wiederholt sehr schwere Verbrechen begehen. "Dann würde die Frage der Besserung und die Frage des Schutzes der Bevölkerung noch mehr in den Vordergrund rücken als das Wegsperren und das Bestrafen des Täters." Aber Besserung – geht das denn überhaupt bei den Menschen, vor denen man sich ihrer chronischen Gefährlichkeit wegen fürchten muss?

Die Persönlichkeit als Heiligtum der individualisierten Gesellschaft ist in der Vorstellung vieler das, was einen Menschen im Kern ausmacht – und sie ist, so bestätigen die Psychologen Franz Neyer und Judith Lehnart in ihrem Buch "Persönlichkeit der Sozialisation", über die gesamte Lebenszeit auch recht stabil. "Gleichwohl ist sie weit davon entfernt, in Stein gemeißelt zu sein", schreiben die Wissenschaftler. Denn sie könne sich zugleich sehr flexibel an Umweltbedingungen anpassen.

Erste ernsthafte Partnerschaft wichtig

So zeigte etwa eine Längsschnittstudie der beiden Autoren aus dem Jahr 2007, dass die erste ernsthafte Partnerschaft zu größerer emotionaler Stabilität beiträgt – einem der Kernfaktoren vieler Persönlichkeitsmodelle.

Außerdem steigt ein weiterer Faktor – Gewissenhaftigkeit – in einer Partnerschaft an. Wird eine Beziehung beendet, so zeigen andere Untersuchungen, dann werden die Partner emotional labiler. Eine stabile Beziehung kann also einen stabilisierenden Effekt auf das gesamte Leben haben.

Eine Partnerschaft, bestätigt Roth, sei besonders für manchen männlichen Straftäter der Beginn des Ausstiegs aus der kriminellen Karriere. "Es ist eine positive Beziehungserfahrung, die, wenn überhaupt etwas wirkt, segensreich wirkt", sagt er.

Umfeld bestätigt Aspekte der Persönlichkeit

Ebenso wie das Umfeld aber Einfluss auf die Persönlichkeit nehmen kann, suchen sich Menschen ihre Umgebung auch selbst aus. Oft wählt man ein Umfeld, das besonders wichtige Aspekte der eigenen Persönlichkeit noch weiter verstärkt – Psychologen nennen dies das Korresponsivitätsprinzip. Das kann der Fall der begabten Matheschülerin sein, die einen zusätzlichen Kurs belegt und dort auf einen motivierten Lehrer trifft, der sie weiter fördert. Es kann sich aber auch um einen leicht aggressiven Jugendlichen handeln, der sich einer Gang anschließt, weil dort Aggression erlaubt und erwünscht ist.

Je länger er dort bleibt, desto mehr verfestigt sich sein aggressives Verhalten, unter anderem, weil er dadurch Status und Macht erhält. "Solche Lebenserfahrungen werden als bestätigend oder belohnend erlebt", so Neyer und Lehnart, "und verstärken somit vorhandene Merkmale und Verhaltenstendenzen."

Mit aggressiven Jugendlichen, die genau in eine solche Spirale geraten sind, hat auch der Neurobiologe Roth zu tun. Er arbeitet derzeit an der Charité in Berlin in einem Projekt, das jugendliche Intensivstraftäter untersucht – auf Gründe, die zu ihrer kriminellen Karriere führten, und auf Trainings und Therapien, die langfristig helfen sollen. Die Forscher unterscheiden dabei drei Tätertypen.

Unrechtsbewusstsein fehlt

Die instrumentellen Gewalttäter, die etwa ein Drittel der Intensivstraftäter ausmachen, seien nicht psychisch krank, sondern in einem Umfeld aufgewachsen, in der Gewalt zum Überleben notwendig war oder die bevorzugte Strategie zur Konfliktlösung. Ihnen fehle ein Unrechtsbewusstsein, so Roth, und sie sind gewissermaßen falsch konditioniert worden.

Bei dem größten Teil – etwa 60 Prozent aller Intensivtäter – handelt es sich aber um impulsiv-reaktive Täter. Diese Gruppe fühlt sich sehr schnell von anderen bedroht und reagiert darauf unangemessen, was bedeutet: Sie schlagen zu.

"Wir gehen davon aus, dass es ganz unterschiedliche Systeme gibt, die unsere Psyche organisieren", sagt Roth. Das allererste sei das Stressverarbeitungssystem. Bei den impulsiv-reaktiven Gewalttätern zeige sich, dass sie nicht gut Stress aushalten – sie fühlen sich zu schnell und zu viel bedroht.

Zuschlagen bei vermeintlicher Bedrohung

"Das zweite ist die mangelnde Impulshemmung, die dazu führt, dass bei vermeintlicher Bedrohung schnell zugeschlagen wird. Und das dritte ist ein Defizit im Selbstberuhigungssystem", erklärt Roth.

Häufig sei bei den jugendlichen Schwerkriminellen die Fähigkeit zum Mitgefühl geschwächt. "Denen tut es ein bisschen leid, wenn sie jemandem wehgetan haben, aber das ist ganz schnell vorbei", sagt Roth. Schon im Kindergartenalter falle diese Gruppe auf: durch motorische Unruhe, Schwierigkeiten bei der Impulskontrolle, wenig Empathie und mangelndes Selbstvertrauen.

Die dritte und kleinste Gruppe machen mit rund zehn Prozent die Psychopathen aus. Sie zeigen bereits als kleine Kinder manipulatives Verhalten, Reuelosigkeit und lügen chronisch. Und auch im Erwachsenenalter sind dies die wichtigsten Merkmale. "Dazu kommt ihre Furchtlosigkeit und ihr hervorragendes manipulatorisches Geschick", erklärt Roth. "Psychopathen können die Gefühle anderer außerordentlich gut lesen, sind aber gleichzeitig völlig gefühllos und reuelos. Und sie haben dieses Charisma, diese extreme Außenwirkung – das macht sie so gefährlich."

Defizite lassen sich im Gehirn ablesen

Besonders bei den impulsiv-reaktiven Straftätern lassen sich Defizite direkt im Gehirn ablesen: Sie zeigen eine verminderte Aktivität vor allem im präfrontalen Kortex, der unter anderem für planendes Verhalten und die Impulshemmung zuständig ist, sowie eine Überreaktion von Zentren außerhalb der Großhirnrinde, etwa der Amygdala, die für Furchtreaktionen ausschlaggebend ist. Der starke Schreckreflex, eine höhere Lidschlag- und Atemfrequenz sowie die größere Hautleitfähigkeit zeigen, dass sich diese Menschen schnell bedroht fühlen.

Wenn Wissenschaftler Schwerkriminelle untersuchen, treffen sie meist auf ein immer wieder gleiches Ursachengeflecht. "Zunächst gibt es eine gewisse Verletzbarkeit, also eine genetische Vorbelastung in den genannten Systemen", erklärt Roth. "Die Gene allein machen aber niemanden zum Schwerverbrecher."

Wenn zu dieser Vorbelastung jedoch massive Störungen der Bindungsfähigkeit an andere Menschen hinzukämen, etwa durch Vernachlässigung, Misshandlung, oder sexuellen Missbrauch, dann schaukele sich das auf. "Diese beiden Faktoren zusammen steigern deutlich die Wahrscheinlichkeit eines jungen Menschen, schwerkriminell zu werden", so der Hirnforscher.

10 Prozent der Täter – 90 Prozent der Straftaten

Roth betont, dass man hier mit Abschreckung nicht weiterkommt. Zwar machen sie nur etwa zehn Prozent aller Täter aus – sie begehen aber 90 Prozent der Straftaten. "Deshalb geht es darum, dass man mit Therapie und Training etwas erreicht", sagt der Forscher. Die veränderlichsten Anteile der Persönlichkeit seien genau die, die bei den Straftätern am deutlichsten beeinträchtigt sind – deshalb sei eine Therapie oft hilfreich und könne wirklich etwas bewegen.

Sind die Veränderungen bedeutend genug, kann man das sogar im Magnetresonanztomografen zeigen: Dann nämlich sollte etwa die Überaktivität der Amygdala abnehmen und gleichzeitig mehr Aktivität im Stirnhirn zu beobachten sein.

Voraussetzung sei aber, dass man jede der drei Tätergruppen anders therapiert. "Die instrumentelle Gruppe muss komplett umlernen und Wege finden, Konflikte zu lösen, ohne Gewalt anzuwenden", so Roth. "Bei den impulsiven Straftätern braucht man ein intensives Training zur Impulshemmung, daneben hilft ein Empathie-Training." Nur bei den Psychopathen hätten sich bisher auch die besten Psychotherapeuten der Welt die Zähne ausgebissen.

Wenn sich unsere Persönlichkeit ändern kann, bleiben wird dann überhaupt noch dieselben? Franz Neyer und Judith Lehnart beantworten das so: "Wir ändern uns, weil wir uns an die Anforderungen des Lebens anpassen. Und wir bleiben, wer wir sind, weil wir dies auf die uns eigene Art und Weise tun."

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