Phobien: Wie Sie die Angst vor der Spinne überwinden


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Gelegentlich tragen Frauen an Männer den Anspruch heran, sie mögen ihr Fels in der Brandung sein. Diese Forderung ist evolutionär gesehen unsinnig und unerfüllbar. Selbst Friesen oder Finnen, die großen Stoiker, überkommt irgendwann Angst – zu versagen, zu vereinsamen, zu erkranken, zu sterben. Von den Ängsten des Alltags, die Männlein und Weiblein plagen, ganz zu schweigen. Der Mensch kann nicht ohne Angst sein, denn sonst könnte er nicht existieren. Angstfreiheit ist neurobiologisch unmöglich. Ein angstfreier Mensch, dem der Furcht- und Fluchttrieb fehlt, läuft dem ersten Löwen in der Savanne treuherzig in die Pratzen oder schmust mit Vogelspinnen.

Aus Ängsten werden Phobien Die Grenze zu den Ängsten mit Krankheitswert, den Phobien, ist fließend, doch immer an ein Objekt oder ein Gefühl gebunden. Die Spinne auch harmloseren Formats ist eine besondere Hüterin von Phobien: Sie löst die sogenannte Arachnophobie aus. Die Tierchen sind so klein, so unschuldig und defensiv; trotzdem hört man es kreischen, wenn sie an einer Wohnungswand entdeckt werden. In solchen Momenten hat sich die normale Angst, die wenigstens halbwegs von der Vernunft kontrolliert wird, in die Sphäre der Panik befördert. In Moment der Panik ist Hysterie die Taktgeberin und sind Stresshormone die Herdplatten, die die Angst zum Kochen bringen. Phobien treten oft mit Panikattacken auf.


Das sind die häufigsten Spinnen in Deutschland

FOTO: CC BY-SA 2.5 / Kulac

Das Problem ist die Konditionierung, die erlernte Gewohnheit. Eine Spinne als solche löst selten Angst aus, aber viele Menschen begegnen ihr erstmals, wenn sie allein sind – ohne Schutz, Beratung, Entwarnung. Damit ist die Angst vor der Spinne gelernt, selbst wenn beim nächsten Mal jemand dabei ist. Die Spinne ist zum sogenannten konditionierten Stimulus geworden und löst eine immer gleiche Reaktion aus: Panik und Vermeidung. Ein klassisches Muster aus der medizinischen Psychologie.

Gelernte Reaktionen Phobiker kennen ihre eigenen gelernten Reaktionen, deshalb weichen sie den Angstszenarien vorsorglich aus – so füttern sie jedoch ihre Phobie. Die Psychologin Simone Rothgangel sagt es so: "Die Angst wird also nicht verlernt, sondern stabilisiert sich: Das Vermeidungsverhalten wird negativ verstärkt, da die unangenehme Angst nicht mehr auftritt." Für jede Phobie gibt es somit ein Ersterlebnis, eine Initialzündung, die sich verselbstständigt und als imaginäre Drohung automatisiert hat. Gleichviel, wer Aufzüge hasst, erreicht auch den 10. Stock stets nur durchs Treppenhaus, nie mit dem Fahrstuhl oder mit der Rolltreppe. Manche Menschen können nicht mit Bussen fahren: zu eng. Andere fürchten sich vor Bergwanderungen (Höhe), leeren Plätzen (Agoraphobie), vor Prüfungen, vor Tunneln oder vor Krankheiten. Beim Musiker ist die Auftrittsangst, die Wochen vor dem Konzert beginnt, die pathologische größere Schwester des alltäglichen Lampenfiebers.

Ohne Zweifel wissen alle diese Menschen, dass ihnen mit größter Wahrscheinlichkeit nichts passieren kann, aber weil sie von ihrer Angst längst konditioniert sind, kommen sie nicht dagegen an. Sie sagen: Ich weiß, dass mir im Lift nichts passiert, trotzdem gehe ich zu Fuß.

Furcht vor dem Kontrollverlust Bei allen Phobien schwingt eine höhere Furcht mit: diejenige vor dem Kontrollverlust. Phobiker fürchten, ihnen widerfahre Schlimmstes, das sie übermächtige und aus der Fassung bringe. Solche archaischen Befürchtungen treten aber auch in der Moderne auf: Ein Nomophobiker fürchtet, sein Handy könne ausfallen und ihn so ins Schattenreich der Unerreichbarkeit stoßen. Schon bei dem Gedanken daran übermannen ihn und überfrauen sie Schwindelattacken, Herzrasen, Schweißausbrüche. Die Angst ist ein Gespenst ohne Gesicht.


Das große Lexikon der Angststörungen

Für jede Angst gibt es einen Namen und eine Ziffer im Katalog der Krankheiten. Agoraphobie beispielsweise wird von Ärzten und/oder Psychotherapeuten mit F40.0 codiert. Für jede Krankheit gibt es auch eine Therapie, aber die meisten Phobiker wollen nicht geheilt werden, weil ihnen ihr kleines Leiden unbedeutend scheint. Aber Menschen mit Flugangst kommen eben nie nach Mallorca oder Lanzarote, geschweige denn nach North Carolina, es sei denn, sie nehmen das Schiff. Dabei lassen sich Ängste gut behandeln: durch Verhaltenstherapie und/oder Medikamente.

Heilen durch Konfrontation Die Konfrontationstherapie setzte früher auf schnelle und fast schon brutale Annäherung an den Angstmacher, auf dass sich die Befürchtungen durch überflutende Exposition von selbst erledigen. Diese Methode besaß eine unethische Komponente, weshalb Therapeuten ihre Patienten heute gestuft an die Phantome des Schreckens heranführen, auch im virtuellen Sinulationsraum – bis sie im Verlauf der Behandlung lernen, die Angst auszuhalten, bis sie vergangen ist. Ein wonniges Gefühl der Erleichterung, ja Erlösung.

Jener Fels in der Brandung arbeitet natürlich vorausschauend. Vor Zugfahrten mit mehreren Umstiegen erarbeitet er Alternativen. Vor Urlaubsreisen geht er zehn Mal die Packliste durch. Er beherrscht jedes Problem, jede Angst. Doch in Wirklichkeit tut er alles, um ihr zu entkommen. Ist das krankhaft?

Von Ängsten reden viele, von Angstfreiheit keiner. Das ist nicht verkehrt. Eine Gesellschaft, die keine Ängste kennt, wird übermütig. Die griechische Philosophie kannte dafür ein Wort: Ataraxia, die Seelenruhe. In unseren Zeiten, die es sogar zur Nomophobie gebracht hat, ist Angstfreiheit ein fast unerreichbarer Zustand. Und irgendwie ist er auch langweilig.


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