«Ein ganz wichtiges Zeichen für Patienten» – Tages

Swisstransplant meldet für 2015 fast ein Viertel mehr Spender als im Vorjahr, ein Rekordwert. Wie erklären Sie sich diesen Sprung?
Es hat im vergangenen Jahr ein Gesinnungswandel stattgefunden, der diese erfreuliche Entwicklung möglich gemacht hat. Vor allem auf der Stufe der Spitäler, aber wohl auch in der Bevölkerung. Vor acht Jahren hatten wir noch 80 Spender, heute 143.Für die Patienten auf der Warteliste ist es ein ganz wichtiges Zeichen, dass es aufwärtsgeht.

Inwiefern hat ein Gesinnungswandel stattgefunden?
Wir arbeiten seit fünf bis sechs Jahren eng mit Intensiv- und Notfallmedizinern zusammen. In letzter Zeit merken wir, dass dies Früchte trägt. Immer mehr Spitäler fragen bei uns nach möglichen Organspendern. Es sind aber auch neue Spitäler hinzugekommen, die Spender melden. Zudem haben wir im vergangenen Jahr eine Umfrage machen lassen, in der überraschende 80 Prozent der Befragten die Organspende grundsätzlich befürworteten. Für die Spitäler war es wichtig, zu sehen, dass die grosse Mehrheit der Bevölkerung dem Thema gegenüber positiv eingestellt ist.

2015 konnte auch der Anstieg bei der Warteliste gestoppt werden. Gab es das schon einmal?
Es ist das erste Mal, seit im Jahr 2007 eine nationale Warteliste geschaffen wurde. Bislang war der Anstieg annähernd exponentiell. Wir haben uns vor zwei Jahren mit einem Aktionsplan das Ziel gesetzt, bis 2018 170 Spender jährlich zu haben. Damit könnten wir die Warteliste langfristig stabilisieren, wenn nicht abbauen.

Glauben Sie, dass die aktuelle Entwicklung nachhaltig ist – oder sind Sie bloss zweckoptimistisch?
Organspende ist grundsätzlich ein seltenes Ereignis und von sehr vielen Faktoren abhängig. Deshalb sind Prognosen schwierig. Mit dem beobachteten Gesinnungswandel und der besseren Einbindung der Spitäler glaube ich jedoch ganz klar an eine Trendwende. Ob zu Recht, werden uns die nächsten Monate zeigen.

Fühlen Sie sich durch den 2014 lancierten Aktionsplan unter Erfolgsdruck, das Ziel von 170 Organspendern pro Jahr zu erreichen?
Die Zielvorgaben haben wir zusammen mit den Intensivmedizinern, dem Bundesamt für Gesundheit und den Kantonen festgelegt. Sie sind ehrgeizig. Doch den Weg dahin gehen wir schon länger, und wie sich jetzt zeigt, ist dies durchaus machbar.

Welche Massnahmen des Aktionsplans haben Ihrer Ansicht nach bis jetzt am meisten gebracht?
Der wesentlichste Punkt ist die lang­fristige Finanzierung von Fachstellen in den Spitälern durch Krankenversicherer und Kantone. Ebenfalls wichtig ist die Ausbildung. Organspende wird heute im Studium und in den Fachgesellschaften zunehmend zum Thema.

Seit wann werden die Fachstellen in den Spitälern finanziert?
Seit Anfang 2015. Wichtig ist, dass wir sicherstellen konnten, dass die Stellen zweckgebunden sind. Das war früher nicht der Fall. Da gab es Mitarbeiter, die sich zusätzlich zu ihrem 150-Pro­zent-Pensum um die Organspende hätten kümmern sollen. Doch das dafür versprochene Geld ist nie geflossen. Jetzt können sich diese Leute effektiv engagieren.

Auch weil sie Zeit dafür haben . . .
Die Arbeitspensen sind ausschliesslich für das Thema Organspende reserviert und werden entschädigt, das ist entscheidend. Nur so können sich Notfall- und Intensivstationen tatsächlich darum kümmern. Der Zeit- und Kostendruck ist dort in den letzten Jahren sehr viel ­grösser geworden.

War der Anstieg der Spender bei allen Zentren in der Schweiz vergleichbar?
Vor allem die Region Zürich hat wesentlich zum schweizweiten Anstieg beigetragen. Hier wurden in den letzten Jahren grosse Anstrengungen unternommen, die sich jetzt in den Zahlen niederschlagen. So haben viele Zürcher Spitäler vergangenes Jahr erstmals Spender gemeldet. Doch das Niveau von Bern, der Romandie oder dem Tessin ist noch nicht erreicht worden.

Es besteht noch Aufholbedarf.
Zürich hat vor allem viele Spender nach Herz-Kreislauf-Stillstand – eine Spendergruppe, die erst 2011 wieder eingeführt wurde, nachdem die Programme in Zürich und Genf 2007 gestoppt worden ­waren. Klassische Spender nach Hirntod gibt es hingegen immer noch sehr wenige aus dieser Region. Doch die Gesamtzahl der Spender ist heute viermal höher als noch vor fünf Jahren. Das ist sicher ein riesiger Fortschritt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.01.2016, 21:57 Uhr)

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